Medienforschung: Warum fasziniert uns Gewalt in Filmen?

„Die spielen das doch nur!“, „Das ist doch nur Kunstblut!“, diese und noch weitere Aussagen höre ich immer wieder, wenn es um die Filmauswahl geht. Mit meiner großen Abneigung gegen Gewalt in Filmen scheine ich allerdings ziemlich allein dazustehen. Abgesehen von meinem Umfeld, zeigen auch Streaming Dienste wie z. B. Netflix und Amazon Prime Video, das sich Gewaltfilme bei den Zuschauern größter Beliebtheit erfreuen. Ich habe mich gefragt, was die Zuschauer dazu bewegt, Filme zu schauen, bei denen Menschen leiden.


Umso mehr Gewalt, umso besser!

Das Paradoxe an gewaltvollen Filmen ist, dass sie einerseits Unbehagen bei den Zuschauern auslösen und andererseits so beliebt sind. In Trailern wird oftmals das Ausmaß der Gewalt übermäßig dargestellt, damit die Zuschauer einschalten.[1] Klingt erst einmal wie ein Widerspruch. Gewalt macht neugierig; erzeugt Nervenkitzel und Spannung, gleichwohl wirken Gewaltdarstellungen auf viele Menschen angstlösend und aggressionssteigernd. Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen vor allem gewaltvolle Filme bevorzugen, weil sie sich hierüber mit Gewalt-Phänomenen der sozialen Realität auseinandersetzen.[2] Bestes Beispiel hierfür ist die beliebteste Netflix-Serie aller Zeiten "Squid Game", die über 111 Mio. Zuschauer gesehen haben. Der Film bietet viel Blut, Aggressionen und brutalste Szenen. Klingt für mich eher danach den Fernseher auszuschalten, doch gibt es einige psychologische Faktoren, die die Einschaltquote erklären. Die Zuschauer identifizieren sich mit den Rollenfiguren, durch die selbst brutalste Gewalt in Kauf genommen wird. Dies bietet dem Zuschauer die Möglichkeit sich selbst zu hinterfragen („Wie würde ich mich selbst in so einer Situation verhalten?“).[3]

Für uns Menschen gehört Gewalt zum Leben dazu, sind wir doch bereits biologisch darauf programmiert, Gefahren zu erkennen und abzuwehren.[4] Die Faszination für Gewalt gab es schon immer und über alle Kulturen hinweg. Grausame Hinrichtungen, Tierkämpfe und Triumphszenen über getötete Gegner, dienten der Unterhaltung der Menschen.[5] Interessant hierbei ist, dass die Gewalt in der realen Welt in den letzten Jahren rückläufig geworden ist, gleichzeitig in der medialen Welt jedoch an Interesse zunimmt. Ein möglicher Grund ist, dass wir die Gewalt in den Medien stellvertretend erleben.[6] Fragt sich nur, warum das so ist.


Das Erleben von Emotionen

Ein Ansatz für die Erklärung ist die Reversal-Theorie nach Apter (1989, 2001) und Kollegen, nach der ein Mensch im Wechsel metamotivationaler Zustände lebt. Die Motivation eines Zuschauers kann demnach darin liegen, zwei unterschiedliche Emotionen in kürzester Zeit nacheinander zu erleben. Durch die Spannung einer Gewaltszene kann ein Angstgefühl ausgelöst werden, das von einem Gefühl der Freude abgelöst wird. Beim Konsumieren eines Films befindet man sich nach dieser Theorie in einem paratelischen (spielerischen, verspielten) Zustand, in dem man lediglich ein Gefühl empfinden möchte, ohne ein weiteres Ziel zu verfolgen.[7] Emotionen mit einer hohen Erregung werden hier als angenehm wahrgenommen. Die Angst in diesem Sinne, so vermutet Zillmann (1985), ist keine wirkliche Angst, sondern eine Form, die zu ähnlichen Symptomen führt. Hierdurch ist es dem Zuschauer möglich, neue und für ihn unbekannte Rollen und Situationen zu erleben. Grimm (1992) meint, dass es keine direkte Angstlust gibt und dieses Angsterleben eher dazu dient, sich in einem anderen Kontext zu erleben und mit dem Angstmachenden zu konfrontieren. Um diese Form der Angst als Erlebnis zu erleben, ist es allerdings notwendig, dass sich der Zuschauer sicher fühlt. Wird keine Gefahr für Leib und Seele verspürt, besteht kein Handlungszwang. Hierdurch entsteht die Möglichkeit Angst in zweierlei Hinsicht zu erleben: erstens die Angst, durch die vorgestellte Bedrohung und zweitens die Erfahrung als Ängstlicher.[8]

Ein anderer Ansatz ist die Habitualisierungstheorie, die besagt, dass durch häufiges Konsumieren von Gewaltszenen eine Abstumpfung der emotionalen Sensitivität erfolgt und es dadurch zu einem Empathieverlust kommt, was Gewaltdarstellungen erträglich macht.[9] Zuschauer sind dadurch weniger schockiert und emotional weniger berührt.[10]


Noch visuell oder schon realistisch?

Wie wir auf solche Filme reagieren, hängt unter anderem vom Entwicklungsstand unseres Gehirns und unseren Lebenserfahrungen zusammen. Hieraus ergibt sich nämlich unser emotional-​kognitiver Denkstil. Dieser ist dafür verantwortlich, wie wir den Film wahrnehmen – realistisch oder virtuell. Wird ein Film nicht mehr als virtuell, sondern als realistisch wahrgenommen, führen gewaltvolle Szenen zur Aktivierung der für Bedrohung und Flucht zuständigen Bereiche im Gehirn. Werden Schmerzen nachempfunden, kommt es zur Aktivierung des Schmerzsystems. Im Extremfall können Gewaltszenen dazu führen, dass diese Gedächtnisnarben verursachen, wodurch Ängste und psychische Störungen begünstigt oder im schlimmsten Fall Traumatisierungen ausgelöst werden. Bei Erwachsenen stellt sich der Umgang mit gewaltvollen Szenen unterschiedlich dar. Dies hängt vor allem auch mit ihrer Persönlichkeitsstruktur zusammen. Menschen, die eher emotional sind, ordnen Filme eher als realistisch ein.[11]


Der Andere-Leute-Effekt

Oftmals wird Gewalt in Filmen mit Aggressionen in der realen Welt in Verbindung gebracht. Wer zu viel Gewalt sieht, stumpft ab. Bei dieser These beziehen sich die meisten Menschen auf andere, bei sich selbst würden sie diesen Effekt nicht vermuten. Eine direkte Wirkung zwischen Inhalt (Gewalt) und Wirkung (Aggression) gibt es nicht. Denn die Auswirkungen lassen sich nicht so einfach durch Ursache-Wirkung-Annahmen erklären, da sie von der Art des Umgangs (Wahrnehmung und Nutzung) mit den Medien sowie der Persönlichkeit abhängig sind.[12]


Fazit

Warum Menschen Gewaltfilme schauen, hat also unterschiedliche Gründe. Gleichwohl scheint hier die Wirkung von Emotionen im Vordergrund zu stehen. Durch die Wahl des Medieninhalts versuchen wir unsere Stimmung zu beeinflussen, indem wir aktiv Gefühlszustände erzeugen. Bei Gewaltfilmen erfolgt eine körperliche und psychische Aktivierung durch Spannungserleben.[13] Eine Mischung aus Faszination und Emotionserleben trifft hier aufeinander. Filme mit gewaltvollen Szenen werde ich auch zukünftig meiden, dennoch ist für mich verständlicher geworden, warum Menschen Gewaltfilme favorisieren.


[1] Vgl. (Jimenez, 2013)

[2] Vgl. (Ludwig-Maximilians-Universität München)

[3] Vgl. (Schneider, 2021)

[4] Vgl. (MDR Wissen, 2020)

[5] Vgl. (Bogerts, 2021, S. 129)

[6] Vgl. (MDR Wissen, 2020)

[7] Vgl. (Gerrig & Zimbardo, 2008, S. 417-418)

[8] Vgl. (Friedrichsen & Vowe, 1995, S. 205)

[9] Vgl. (Schwind, 2011, S. 304)

[10] Vgl. (Schneider H. , 2009, S. 276)

[11] Vgl. (dasgehirn.info, 2015)

[12] Vgl. (Kunczik, 2017, S. 3)

[13] Vgl. (Rothmund, et al., 2015)


Literaturverzeichnis

Bogerts, B. (2021). Woher kommt Gewalt?: Von Neurowissenschaft bis Soziologie-eine mehrdimensionale Betrachtung. Berlin.

dasgehirn.info. (24.10.2015). Abgerufen am 18.01.2022 von Was passiert im Gehirn, wenn wir einen Horrorfilm anschauen?: https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-passiert-im-gehirn-wenn-wir-einen-horrorfilm-anschauen?gclid=EAIaIQobChMI4pny6t3_4wIVVud3Ch2_UgskEAAYASAAEgKQx_D_BwE

Friedrichsen, M., & Vowe, G. (1995). Gewaltdarstellungen in den Medien: Theorien, Fakten und Analysen. Opladen.

Gerrig, R., & Zimbardo, G. (2008). Psychologie (Bd. 18. Auflage). München.

Jimenez, F. (02.04.2013). Welt. Abgerufen am 17.01.2022 von Warum Menschen von Gewalt im Film fasziniert sind: https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article114934407/Warum-Menschen-von-Gewalt-im-Film-fasziniert-sind.html

Kunczik, M. (2017). Medien und Gewalt: Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und der Theoriediskussion. Wiesbaden.

Ludwig-Maximilians-Universität München. Abgerufen am 17.01.2022 von Reflektierte Verarbeitung von Gewaltdarstellungen: https://www.ifkw.uni-muenchen.de/lehrbereiche/bartsch/projekte/gewalt/index.html

MDR Wissen. (28.11.2020). Abgerufen am 17.01.2022 von 50 Jahre Tatort: Was macht Gewalt im Film mit uns?: https://www.mdr.de/wissen/gewalt-in-medien-wirkung102.html

Schneider, H. (2009). Internationales Handbuch der Kriminologie: Besondere Probleme der Kriminologie (Bd. 2. Auflage). Berlin.

Schneider, L. (14.10.2021). Film.at. Abgerufen am 19.01.2022 von “Squid Game”: PsychologInnen erklären, warum wir die Serie lieben: https://www.film.at/news/squid-game-netflix-serie-beliebt/401770413

Schwind, H.-D. (2011). Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen (Bd. 21. Auflage). Heidelberg, München, Landsberg, Frechen, Hamburg.

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